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Sie sind Vögel, können aber nicht fliegen. Da Pinguine viel Zeit im und unter Wasser verbringen, ist über die sympathischen „Frackträger“ wenig bekannt. Seit 30 Jahren erforscht Dr. Klemens Pütz ihr Leben.

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Gunnar von der Geest

Routiniert schnappt sich der 58-jährige Biologe einen Vogel, legt ihn auf den Bauch und stülpt ihm eine Socke über den Kopf. Das beruhigt ihn. Vorsichtig hebt Dr. Klemens Pütz, Deutschlands einziger Vollzeit-Pinguinforscher, das Federkleid an und positioniert am Rücken einige Streifen schwarzes tesa® Gewebeband. Darauf wird entweder ein Satellitensender oder ein kleiner Fahrtenschreiber mit einem festen „Kokon“ aus Klebeband im Gefieder befestigt. Bereits nach wenigen Minuten ist das Tier fertig präpariert – und kann auf seine Forschungsreise gehen.

Das Anbringen der Sender mit Klebeband ist für die Tiere absolut schmerzlos. Die kleinen Hightech-Geräte stören Pinguine weder beim Schwimmen noch irritieren sie Artgenossen.

Dr. Klemens Pütz

Satellitensender mit Klebeband am Pinguingefieder

Mit Klebeband lassen sich

die Satellitensender im Pinguingefieder befestigen.

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Pinguin unter Wasseroberfläche

Pinguine können auf der Futtersuche

bis zu 300 Meter tief tauchen.

300 Meter unter dem Meer

Seit fast drei Jahrzehnten wendet Dr. Pütz diese von ihm perfektionierte Methode an, um Aufschluss über das Wander- und Tauchverhalten verschiedener Pinguin-Arten zu erlangen. Denn: Wenn die Meerestiere brüten, kann man sie gut beobachten. Ihr Leben unter der Wasseroberfläche steckt jedoch nach wie vor voller Geheimnisse. So konnte der Wissenschaftler aus Bremervörde (Niedersachen) unter anderem zeigen, dass Königspinguine mehr als 300 Meter tief und rund zehn Minuten lang tauchen und sich bei ihrer Futtersuche über 1000 Kilometer weit von der Kolonie entfernen.

Wertvolle Fracht im „Rucksack“

Um aussagekräftige Daten zu erhalten, ist es wichtig, dass der Kontakt zu den Pinguinen möglichst lange bestehen bleibt. Viele Geräte halten bis zu einem Jahr den hohen Belastungen von Salzwasser, Strömung, Kälte und Reibung stand, bevor die Sender bei der nächsten Mauser abfallen. Aber auch in finanzieller Hinsicht würden frühzeitige Verluste einen erheblichen Schaden verursachen: Die Satellitensender kosten rund 1500 Euro, modernste Fahrtenschreiber mit integrierter Mini-Kamera sogar bis zu 3500 Euro pro Stück.

Pinguine mit Peilsendern

Wertvolle Pinguin-Peilsender:

Aussagekraft ein ganzes Jahr lang

Anerkannte Forschungsmethode 

Auch bei der Erforschung anderer Vogelarten hat sich die von Dr. Klemens Pütz weiterentwickelte Tape-Technik durchgesetzt und Eingang in die wissenschaftliche Fachliteratur gefunden. Wenngleich für den Norddeutschen ein Leben ohne die liebenswerten Vögel kaum noch vorstellbar ist, so weiß er doch eines ganz genau: „Als männlicher Großpinguin möchte ich auf keinen Fall wiedergeboren werden. Sechs Monate fasten, um bei minus 30 Grad Eier auszubrüten, wäre mir viel zu stressig.“

Pinguine mit Meßlatte und Maßband

1,20 m

GROSS UND 40 KG SCHWER

können Kaiserpinguine werden. Während der Brutzeit verliert das Männchen 50 Prozent seines Körpergewichts.

Bedrohte Spezies

Weltweit gibt es – zumeist zwischen dem 45. und dem 60. Breitengrad auf der Südhalbkugel – 18 Pinguin-Arten. Als kälteliebende, flugunfähige Vögel treten sie in tropischen Gebieten nur dann auf, wenn Kaltwasserströmungen existieren: Dies ist beispielsweise an der Westküste Südamerikas oder um Südafrika herum der Fall. Zwei Pinguin-Arten leben ausschließlich in der Antarktis: der Adelie- und Kaiserpinguin. Auch wenn die watschelnden „Frackträger“ als wahre Anpassungskünstler gelten, sind elf Arten vom Aussterben bedroht. Hauptgründe: Nahrungsknappheit aufgrund sinkender Fisch- bzw. Krillbestände, Umweltverschmutzung unterschiedlicher Ausprägung, eingeschleppte Tierarten und – für die südlich lebenden Pinguine – das Schwinden des Meereseises.

Pinguinforscher Klemens Pütz

Tierforscher, Bestsellerautor und Talkshow-Gast: Dr. Klemens Pütz

geboren 1960 in Bonn, promovierte 1993 an der Christian-Albrechts-Universität Kiel über die Ernährungsökologie von Kaiser- und Königspinguinen. Von 1997 bis 2001 lebte er auf den Falklandinseln und arbeitete als Fischerei-Inspektor sowie wissenschaftlicher Berater von Falklands Conservation, einer gemeinnützigen Organisation, die sich um den Schutz der Tierwelt und der Natur der Inseln im Südatlantik kümmert. In dieser Zeit war er auch Gründungsmitglied des Antarctic Research Trust, für den er seitdem als Stiftungsrat und wissenschaftlicher Direktor tätig ist. Drei bis vier Monate pro Jahr verbringt Dr. Klemens Pütz auf Expeditionstouren – sowohl in der Antarktis als auch in anderen Regionen wie beispielsweise Neuseeland. Mehr als 100 Veröffentlichungen sind mit seinem Namen verbunden. 2018 publizierte er das Buch „Unverfrorene Freunde – Mein Leben unter Pinguinen“.