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Der Begriff „Innovation“ wird heutzutage inflationär verwendet. Doch nicht alles, was neu ist, muss auch innovativ sein. Welche wichtige Rolle „intelligente Lösungen“ bei tesa spielen, erklärt Dr. Christoph Dietrich, seit 1. April 2019 Director Innovation Processes.

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Gunnar von der Geest

Dr. Christoph Dietrich, 55, studierte Physik in München und in Heidelberg. Nach der Promotion über optische neuronale Netze – ein Thema, das heute bei der künstlichen Intelligenz (KI) eine wichtige Rolle spielt – gehörte er 2001 zu den sechs Gründern der tesa scribos GmbH. 17 Jahre war der Vater von drei Söhnen bei der tesa Tochtergesellschaft als Geschäftsführer tätig.

Herr Dr. Dietrich, Sie haben kürzlich die neu geschaffene Position als Director Innovation Processes übernommen. Sind Sie jetzt so etwas wie der „Chef-Erfinder“ von Klebebändern?

Christoph Dietrich (lacht): Das haben mich meine Kinder auch gefragt. Nein, ein „Chef-Erfinder“ bin ich gewiss nicht. Meine Aufgabe besteht vor allem darin, als Schnittstellen-Manager die Innovationsprozesse bei tesa zu koordinieren und eine Plattform für neue Projekte zu schaffen. Diese beziehen sich übrigens keineswegs nur auf die Produktentwicklung. Innovationen finden auf ganz unterschiedlichen Ebenen statt. Wenn jemand beispielsweise Abläufe optimiert, über die sich zuvor niemand Gedanken gemacht hat, ist dies enorm innovativ. Deshalb gilt auch: Ein Erfinder – oder besser: Innovator – kann jeder Mitarbeiter sein. Und zwar jeden Tag.

Was macht für Sie eine Innovation aus?

Innovationen sind das Ergebnis von Ideen bzw. Erfindungen, die sich in Form neuer Produkte, Prozesse oder Services am Markt behaupten und nachhaltig zur Wertschöpfung beitragen. Insofern halte ich wenig davon, eine Sache als innovativ zu bezeichnen, die auf den ersten Blick zwar zukunftsweisend erscheint, sich aber weder verkauft, noch eine Wirkung entfaltet. Dies ist dann eher als netter Versuch und nicht als echte Innovation zu werten.

Innovationen sind nicht allein Sache der Produktentwicklung – sie müssen sich auf sämtlichen Ebenen vollziehen und aus funktionsübergreifender Teamarbeit resultieren.

Würden Sie tesa als innovatives Unternehmen bezeichnen?

Ja, unbedingt! Das wird schon daran deutlich, dass von den weltweit knapp 5000 Mitarbeitern mehr als 500 in der Forschung & Entwicklung arbeiten. Etwa fünf Prozent des Jahresumsatzes investiert tesa in diesen Bereich. Wir antizipieren Trends und optimieren bzw. erweitern ständig unser Technologie-Portfolio. Und dies in engem Austausch mit Kunden und externen Kooperationspartnern. Aber zweifelsohne kann auch tesa innovativer werden; es besteht noch Luft nach oben. 

Können Sie dafür Beispiele nennen? Zwei Dinge miteinander zu verkleben, erscheint zunächst einmal vergleichsweise simpel zu sein …

Das könnte man meinen. Doch das sichere Verbinden von Bauteilen ist nur ein wichtiger Aspekt. So müssen unter anderem Klebebänder in Mobiltelefonen diverse Zusatzfunktionen wie beispielsweise Licht- und Wärme-Management übernehmen. Manchmal gleicht es der Quadratur eines Kreises, ganz unterschiedliche Anforderungen unter „einen Hut“ zu bringen. Zum Beispiel, wenn lediglich eine extrem schmale Verklebungsfläche zur Verfügung steht, das Schaum-Klebeband aber gleichzeitig als Stoßdämpfer dienen soll. 

Wohin entwickelt sich die Klebeband-Technologie?

Wir stellen fest, dass der Trend immer mehr zu sogenannten produktiven Klebebändern geht. Das heißt: Die Tapes übernehmen nicht nur temporär eine Funktion und werden danach entsorgt, sondern verbleiben den gesamten Lebenszyklus über im Endprodukt, zum Beispiel im Auto. Darüber hinaus hat die Digitalisierung auch das Klebeband-Geschäft voll erreicht. Heute genügt es einfach nicht mehr, den Kunden mit einem prall gefüllten Musterkoffer zu besuchen. Mehr denn je sind digitale Tools und Services gefragt. So ist es heute kein Problem mehr, sich mit dem mehrere Tausend Kilometer weit entfernten Geschäftspartner schnell über die Lösung eines Problems auszutauschen. Insgesamt haben die Serviceorientierung und das Tempo im Markt deutlich zugenommen. 

Wir werden mit unseren tesa® Produkten nie zu den preiswertesten Anbietern im Markt gehören. Deshalb müssen wir führend in puncto Technologie sein.

Vor welchen Herausforderungen steht ein multinationales Unternehmen wie tesa in puncto Innovationskultur?

Wir haben mit unseren 64 Tochtergesellschaften inzwischen eine Größe erreicht, die etliches erleichtert, gleichzeitig aber auch erschwert. Was die Innovationskultur anbelangt, müssen wir dafür sorgen, dass zuweilen recht komplexe Strukturen die Organisation nicht lähmen. Deshalb haben wir Ende 2017 auch eine groß angelegte Innovations-Initiative gestartet. Insofern ist eine meiner Aufgaben auch, bestmögliche Rahmenbedingungen für agiles Arbeiten zu schaffen – ein Wunsch von (potenziellen) Kollegen, die bei uns immer wieder die Grenzen der Klebe-Technologie verschieben und Innovatives entwickeln wollen.

Besten Dank für das Gespräch und viel Erfolg in der neuen Position.